\chapter{Ein neues Interesse an Schaeffler}

\begin{kz}
">Religion kann nur schlecht eine Insel sein mit Zugbrücken, über die hin und wieder argumentative Ausfälle in die säkulare Welt gestartet werden, die aber hochgezogen werden können, wenn der Apologet bei einer Argumentation den kürzeren zieht"< \hfill (Humphrey Palmer\cite[247]{ZV})\\
\end{kz}

\section{">Das Gebet und das Argument"< -- Ein problematischer Titel?}

Als Richard Schaeffler 1989 sein Buch \textit{Das Gebet und das Argument: Zwei Weisen des Sprechens von Gott}\cite[]{GuA} vorlegte, konnte er wohl noch nicht ahnen, welche Dringlichkeit die Verhältnisbestimmung von Religion, Glaube und Vernunft zu Beginn des 21.~Jahrhunderts erleben würde. Vor dem Hintergrund von Gewalt und Terror religiöser Fundamentalisten muss sich auch der Christ die Frage stellen, was an seinem Glauben ">vernünftig"< ist und inwiefern er seinen Mitmenschen gegenüber Rede und Antwort zu stehen vermag, die nach der Hoffnung fragen, die ihn erfüllt (vgl. 1~Petr~3,\,15).

Erwartet man nun von Schaefflers Buch eine Klärung dieser Verhältnisbestimmung, dann wird man stutzig: Gebet und Argument werden im Untertitel als zwei Weisen des Sprechens von Gott bezeichnet. Gibt es demnach zwei Klassen von Christen? Schlichte Gläubige, die (bestenfalls) nur die Sprache des Gebets beherrschen, und intellektuelle Apologeten, die ihren Glauben argumentativ explizieren können? Und kommt es nicht vielen Gläubigen so vor, dass die Antworten der Theologen in schwierigen Fragen häufig ausweichend sind und sie das theologische Antwortsuchen auf der Insel, von der Palmer spricht, vom Ufer aus betrachten müssen, derweil die Experten ihre Brücken hochgezogen haben? Kann es in Glaubensfragen ">vernünftige"< Argumente geben? Wäre es nicht viel eher angebracht, der Philosophie ein ">Schweige-Gebot"<\cite[244]{TC} aufzulegen, auch um Platons Warnung zu beherzigen, dass übermäßiges Vertrauen in die Logoi leicht enttäuscht wird und dann in Hass auf den Logos umschlagen kann? Kann es jenen Weg, den Platon {\greek te'xnh peri' tou's lo'gous} -- den ">kunstgerechten Umgang mit den Logoi"<\cite[Vgl.][89b--90b]{PP} -- nennt, im Zusammenhang mit Religiösem überhaupt geben?

Im Übergang vom Glauben zum Glaubens-Wissen muss sich der Glaubende also nicht nur intern (gegenüber der Glaubensgemeinschaft) rechtfertigen, sondern auch extern, nämlich gegenüber denen, die in ihrem Fachgebiet für sich den Wissenschaftsbegriff ebenfalls in Anspruch nehmen. Kann er Begriffe anderer Disziplinen (es wird sich v.\,a. die Philosophie dort nahe legen) übernehmen, um seine Anliegen zu verdeutlichen?

So kann der Titel \textit{Das Gebet und das Argument: Zwei Weisen des Sprechens von Gott} Auslöser für Fragen grundsätzlicher Art werden. Jedoch: Schaeffler hat seinem Werk den Untertitel \textit{Eine Einführung in die Theorie der religiösen Sprache} gegeben. Die Vermutung drängt sich auf, dass Schaeffler Gebet und Argument unter den Begriff der ">religiösen Sprache"< subsumieren möchte. Wenn Gadamers These ">Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache"<\cite[478]{WuM} stimmen und damit die Sprache sich als das erweisen sollte, ">was dem Denken letztendlich zu denken gibt"<\cite[73]{DEdB}, wäre Schaeffler auf einem guten Weg.
Es wird Gegenstand dieser Arbeit sein, Schaefflers Denkansätze darzustellen und den Weg, den er beschreitet, kritisch zu hinterfragen. Grundlage bildet das erwähnte Buch. Mit Blick auf das Gesamtwerk Schaefflers soll geprüft werden, ob Gebet und Argument wirklich als zwei Weisen des Sprechens von Gott gelten können. Es wird zunächst zu fragen sein, was aus der gegenwärtigen Situation, in der sich Philosophie und Theologie befinden, für Schaefflers Konzept einer religiösen Sprache zu folgern ist (2.~Kapitel). Indem verschiedene Methoden der Philosophie aus der Sichtweise Schaefflers vorgestellt werden, kann daraus die für Schaeffler eigene Methode einer weiterentwickelten Transzendentalphilosophie gewonnen werden (3.~Kapitel). Daraus werden Konsequenzen für die religiöse Sprache aufzuzeigen sein, die sich -- begründet an zwei biblischen Texten -- als autonomes Sprachspiel erweisen wird (4.~Kapitel). Dennoch bleibt sie auf die Philosophie verwiesen (5.~Kapitel). Abschließend wird gefragt, was aus Schaefflers Denken gewonnen werden kann (6.~Kapitel).

\section{Richard Schaeffler -- Leben und Werk}

Wer ist der Philosoph und Theologe Richard Schaeffler?\footnote{Zur wissenschaftlichen Laufbahn Schaefflers \cite[vgl.][14]{LedD}.} Am 20. Dezember 1926 in München geboren, war er noch vor seinem Abitur oftmals Hörer der Vorlesungen an der jesuitischen Hochschule für Philosophie in Pullach. Seine wissenschaftliche Laufbahn führte von der Promotion (1952) über die Habilitation (1961 Tübingen) bis hin zum Lehrstuhl für Philosophische Grenzfragen in Bochum (1961 Universitätsdozent, 1968 ordentlicher Universitäts-Professor), den er bis zu seiner Emeritierung 1989 innehatte. Für seine Verdienste auf dem Gebiet der Transzendental-, Geschichts- und Religionsphilosophie wurde ihm 2005 die Ehrendoktorwürde der Hochschule für Philosophie in München verliehen.

Für diese Arbeit dürfte interessant sein, dass er für den Schaeffler-Kenner Bernhard Nitsche in transzendentalphilosophischer Hinsicht ein ">Unzeitgemäßer"< ist. Was von Dieter Henrich später nämlich als Grundproblem der ">Reflexionstheorie vom Subjekt"< ausgearbeitet worden sei, finde sich bereits in Schaefflers Dissertation und Habilitation: Aus dem Umstand, dass Kant das ">Ich denke"< in der Dialektik als Abschluss der Synthesis der Anschauungen begreift, zieht Schaeffler die Konsequenz, ">dass die formelle Konstanz der transzendentalen Subjektivität fragil ist"<\cite[117]{EkE}. Es wird sich zeigen, woran Nitsche diese Beobachtung fest machen kann.

Zu Schaefflers bekanntestem Werk dürfte sein 1995 erschienenes opus magnum \textit{Erfahrung als Dialog mit der Wirklichkeit. Eine Untersuchung zur Logik der Erfahrung}\cite[]{EaDmdW} gehören. Dem gehen eine Reihe von Schriften voraus, die den Weg dorthin gebahnt hatten. Irlenborn\cite[Vgl.][20--25]{Vsm} unterteilt Schaefflers Werkgenese bis 2003 in sechs Phasen: Zunächst beschäftigte sich Schaeffler unter dem Eindruck seines Lehrers Gerhard Krüger mit dem Themenbereich ">Wahrheit und Geschichte"<. Dort wird bereits deutlich, dass er Wahrheit nicht als subjektives Konstrukt oder passive Rezeption versteht, sondern dass sie allein ">kommunikativ"<\cite[Vgl.][538]{DSdG} zu erschließen sei. In den siebziger Jahren präzisiert er die bisherigen Gedanken, nun auch stärker transzendentalphilosophisch und auf die Frage des Verhältnisses von Philosophie und Religion ausgerichtet.\cite[Vgl.][]{RukB} In der dritten Phase, ab Mitte der siebziger Jahre, kommt Schaeffler mehr als zuvor auf die Tradition zu sprechen und untersucht den Gang der Geschichte zwischen katholischer Theologie und Philosophie: Wichtige Themen sind die wissenschaftstheoretische Grundlegung der Theologie, die Rezeption Heidegger'scher Spätphilosophie, die für seine Verknüpfung von transzendentalem und geschichtlichem Denken wegweisend ist, und Überlegungen zu einer Philosophie bzw. Theologie der Hoffnung.\footnote{Vgl. \cite[]{GuW}; \cite []{DWzPukT}; \cite[]{FdD}. Vgl. auch die intensive Auseinandersetzung zwischen Sala und Schaeffler um Kant und die Theologie der Hoffnung: \cite[]{SalaKudTdH} und Schaefflers Replik: \cite[]{SchaeffKaPdH}. Vgl. dazu ebenso \cite[]{KTeHzSahW}.} Viertens die Phase, in der das Buch \textit{Das Gebet und das Argument} entstand und in der sprachphilosophische Methoden in den Mittelpunkt des Interesses rückten. Nach der fünften, erfahrungstheoretisch geprägten Phase hat sich Schaeffler u.\,a. mit den Konsequenzen seiner Ergebnisse für interreligiöse Fragestellungen beschäftigt.\footnote{\label{interrelschaeffler}Vgl. \cite[190--207]{TupV}; \cite[]{LaniW}, sowie \cite[]{RvRb}.} Seit 2004 sind noch einmal zwei wichtige Veröffentlichungen Schaefflers zu verzeichnen. In seinem dreibändigen Werk \textit{Philosophische Einübung in die Theologie} greift Schaeffler alle wichtigen Themen auf, die sein philosophisches Denken ein Leben lang bestimmt haben.\cite[]{PEidT} Zuletzt erschien 2006 die Schrift \textit{Philosophisch von Gott reden}.\cite[]{PvGr} Inhaltlich darf sie ebenfalls als Summe seines Denkens betrachtet werden.

Freilich bleibt eine solche Einteilung unvollkommen. Schaeffler hat sich in den langen Jahren seines Wirkens als Verfasser unzähliger Artikel in Zeitschriften und Festschriften hervorgetan. Diese in sich abgeschlossenen Schriften geben einen hervorragenden Einblick in sein Denken. Festschriften (u.\,a. für Kardinal Ratzinger\cite[]{Ssei} und Kardinal Lehmann\cite[]{DpT}) sind durch seine Beiträge nicht nur bereichert worden; in Anerkennung seines Wirkens und Denkens sind drei solcher Festschriften zu seinen Ehren entstanden.\footnote{\cite[]{PTG}; \cite[]{FGuGdM}; \cite[]{EGI}.}


\section{Zum Forschungsstand}

Das Denken Richard Schaefflers hatte im Vergleich zu anderen Philosophen und Theologen jahrelang nur geringe Beachtung gefunden. Durchforstet man derzeit (November~2007) das Internet, so ist es mehr als erstaunlich, dass neben der Nachricht, die die Verleihung der Ehrendoktorwürde zum Thema hat, keine Seite des weltweiten Netzes Informationen über Leben und Werk Schaefflers zusammengetragen hat.

Nitsche formuliert es treffend: ">In einem noch immer verblüffenden Kontrast zu den vielen anregenden Publikationen Richard Schaefflers \ausl\ und der hohen Wertschätzung, welche seiner Lebensleistung inzwischen entgegengebracht wird, steht eine eher verhaltene Rezeption."<\cite[115]{EkE} Umso mehr erstaunt es, dass in den letzten Jahren ein neues Interesse an Schaefflers Philosophie zu bemerken ist.

Neben einigen Beiträgen der Festschrift \textit{Erfahrung -- Geschichte -- Identität} und vier kritischen Aufsätzen zu Schaefflers Auslegung von Kants Dialektik des praktischen Vernunftgebrauchs sind bis 2007 fünf Dissertationen über das Schaeffler'sche Denken entstanden. Zimny\cite[Vgl.][]{ZEvSuI} untersuchte 1999 die besondere Einheit von Spiritualität und Intellektualität im Werk Richard Schaefflers. Bernhard Nitsche bezieht 2001 neben Rahner auch Schaeffler ein, da dieser ">einen Beitrag für eine methodisch reflektierte Vergewisserung der christlichen Identität im Bekenntnis zur Einzigartigkeit, Unüberbietbarkeit und Unwiderruf\/lichkeit der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus zu leisten"<\cite[21]{GUikG} vermag. 2002 erschien die an der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt entstandene Dissertation des Jesuiten Ntima Nkanza, der die Ignatianischen Exerzitien im Licht der Phänomenologie Schaefflers erforschte. Bernd Irlenborn\fullcite[Vgl.][]{Vsm} hat 2003 eine Arbeit zum philosophischen Gottesbegriff Schaefflers vorgelegt. 2007 erschien Gunter Ludwigs Erprobung von Schaefflers Erfahrungstheorie im Hinblick auf ihre Brauchbarkeit im Dialog der Religionen.\cite[Vgl.][]{DWadSb} Dass Schaefflers Philosophie auch für die Liturgiewissenschaft beachtenswert ist, hat unlängst Andreas Odenthal hervorgehoben.\cite[Vgl.][]{DKaW} 
