Konzept

Grundlagen

Jede Planung einer neuen Orgel bewegt sich in einem Rahmen, der in erster Linie von Platz, Finanzen und Zweckbestimmung abgesteckt wird. In unserem Falle entfiel Dreimanualigkeit und ein 16′-Werk aus einem oder mehreren der oben genannten Gründe. Es ist ohnehin zu empfehlen, bei 33 Registern der 2-manualigen Orgel den Vorzug zu geben, denn hier ist gesichert, dass der Schwellkasten die ganze Orgel hörbar schwellt – eine Forderung A. Schweitzers, die nichts an Aktualität eingebüßt hat. So disponierten wir ein großes klassisches Hauptwerk und ein reich besetztes, farbbetontes Schwellwerk. Das Pedalwerk erhielt mit drei 16′-Registern das entsprechende Baß-Fundament.

Die Klanggruppe der Labialregister

Das HW steh auf 8′-Basis, das SW auf 4′-Basis (die Basis ist immer das jeweils tiefste Prinzipalregister). Beide haben Weitchorstimmen in Äqual-, Oberoktav- und Unteroktavlage neben sich stehen:

  • HW: Prinzipal 8′ > Bourdon 16′, Rohrflöte 8′, Blockflöte 4′
  • SW: Prinzipal 4′ > Gedeckt 8′, Holzflöte 4′, Waldflöte 2′

Dem Bourdon 16′ im HW steht im SW der Basson 16′ gegenüber. So bleibt auch das SW nicht ohne 16′-Register. Diese Ausgewogenheit lässt sich auch an folgender Gegenüberstellung gut erkennen. Gleichzeitig sieht man, wie gut sich die beiden Manualwerke gegenseitig ergänzen.

Weitchor
Engchor
Zungenchor
HW Bourdon 16′ Prinzipal 8′ Trompete 8′
SW Gedeckt 8′ Prinzipal 4′ Basson 16′

Außerdem verfügt jedes Teilwerk über einen Streicher, das SW zusätzlich über eine Streicherschwebung:

  • Hauptwerk: Gamba 8′
  • Schwellwerk: Salicional 8′, Schwebung 8′
  • Pedal: Violon 16′

Im HW ist die Weitchorgruppe überwiegend aus Metall, im SW dagegen größtenteils aus Holz gearbeitet und daher im Klang milder.

  • Durch Oktavieren erhält man im HW die klassische Gruppe: Gedeckt 8′, Rohrflöte 4′, Waldflöte 2′
  • Außerdem ist im HW ein Positiv latent vorhanden durch: Rohrflöte 8′, Blockflöte 4′, Octave 2′, Cymbel 3f 1/2′

Das HW enthält die vollständige Prinzipalpyramide:
[16′] – 8′ – 4′ – 2 2/3′ – 2′ – Mixtur (1 1/3′ – 1 ‚ – 2/3′ – 1/2′) – Cymbel (1/2′ – 1/3′ – 1/4′)

Bourdon 16′ ist Prinzipalstellvertreter, aber wesentlich vielseitiger zu verwenden. Der Vielfalt der SW-Registrierungen wird eine reiche Stufungsmöglichkeit des Prinzipalchors entgegengestellt. Der Prinzipalschwerpunkt liegt im HW, doch ist auch hier ein geschlossener Weitchor 16′ – 8’– 4′ vorhanden. Der Weitchorgruppe schließt sich der Cornet an, der die Weitchoraliquoten gebündelt enthält. Sehr differenziert bietet sich der Weitchor im SW dar mit der Reihe 8’– 4′ – 2 2/3′ – 2′ – 1 3/5′ – 1‘. Der Prinzipalchor ist im SW dennoch vollständig vertreten mit der Reihe 4′ – Fourniture 5-fach (2′ – 1 1/3′ – 1′ – 2/3′ – 1/2′). Das SW ist farb- und füllebetont. „Farben“ sind in der Pfeifenorgel entweder fertig vorhanden in Zungenregistern, Streichern und charaktervollen Flöten, oder aber sie lassen sich mischen mit Hilfe von Aliquoten. Die Aliquotmischungen ahmen z.T. veraltete und längst vergessene Instrumente nach:

  • Kornett: 8′ + 4′ + 2 2/3′ + 2′ + 1 3/5′
  • Rauschpfeife: 2 2/3′ + 2′
  • Hörnlein: 2′ + 1 3/5′
  • Sesquialter: 2 2/3′ + 1 3/5′
  • Carillon: 4′ + 1 3/5′ + 1′
  • Glöckleinton: 2′ + 1′

Die Klanggruppe der Zungenregister

Die Voix humane 8′ ist in unserer Orgel der Vertreter der kurzbechrigen Zungen. Ihr zurückhaltender und barock-renaissancehafter Klang lässt sich durch nichts ersetzen. Zudem finden wir sie in den großen Schwellwerken der französischen Kathedralorgeln (und deshalb in den Kompositionen ihrer Organisten). Man unterscheidet drei Familien von Zungenregistern. Alle drei sind in unserer Orgel vertreten:

  • Pleno-Zungen (volle Becherklänge): Posaune 16′ (Pedal), Trompete 8′ (Pedal), Trompete 8′ (HW)
  • Solo-Zungen: Basson 16′, Hautbois 8′, Chalumeau 4′ (alle SW)
  • kurzbechrige Zunge: Voix humaine 8′ (SW)

Die Palette reicht also von der großen Holzposaune mit voller Becherlänge bis zur kurzbechrigen Voix humaine. Die französische Namengebung hat ihren berechtigten Grund. Wo in unserer Orgel die französische Bauweise gewählt wurde, findet dies in der Registerbenennung ihren entsprechenden Ausdruck (Die HW-Trompete ist nur z. T. „französisch“). Der geschlossene Zungenchor 16′ – 8′ – 4′ der Fagott-Familie (sog. „Echotrompeten“) verleiht dem SW Fülle und Gravität. Durch Oktavieren und Hinzuziehen von Aliquoten eröffnen sich hier kaum zählbare Möglichkeiten.

Die Manualregister in 8′-Lage

Ganz ähnliche Funktion hat die Schwebung. Vor 30 Jahren noch verpönt, gilt sie heute nahezu wieder als obligatorisch, wenn auch nicht unbedingt bei Orgeln dieser Größenordnungen. Zusätzlich (und auf eigener Schleife) zum Salicional disponiert können alle Feinheiten der 8′-Registrierkunst ausgeschöpft werden. Die Schwebestimme dient ebenso wie der Tremulant der „Beseelung“ des von Natur aus starren Orgeltons. Im Verein mit dem Schwellkasten zielt die gesamte Disposition auf die Verwirklichung einer „Übergangsdynamik“, entsprechend der Rolle, die der Dynamik als einem substanziell wichtigen, sehr flexiblen Gestaltungsmittel im 19. Jh. zukommt. Die Streicher sind zudem wertvolle Register für Begleitaufgaben. Gamba 8′, Salicional 8′, Schwebung 8′ und Voix humaine 8′ erfüllen malerische Aufgaben.

Das Pedal

„Der Violinbaß 16′ konnte aus der alten Orgel übernommen werden. Dadurch war es möglich, den Subbaß 16′ für Begleitregistrierungen und Triospiel schwächer zu intonieren. Leider wird heute aus Kostengründen bei Orgeln dieser Größenordnung auf den zweiten labialen 16′ verzichtet. Der Subbaß wird dann als Fundament für alle Registrierungen oft viel zu weit mensuriert und zu stark intoniert.“ (R. Giez)

Die vier tiefsten Pfeifen des Violon 16′ sind (1905) als sogenannte »Huckepackpfeifen« gebaut worden. Ihre Töne werden durch einen Kunstgriff aus kombinierten Pfeifen von halber Länge gewonnen: Zwei aneinandergeschraubte Pfeifen (8′ offen + 5 1/3′ gedeckt) mit gemeinsamer Windzufuhr bringen das Intervall einer Quinte hervor, das in unserem Ohr als »Kombinationston« die nächsttiefere Oktave erklingen lässt.

Die Trompete 8′, dicker und kräftiger als die HW-Trompete gleichen Bechermaterials, im Gegensatz zu dieser aber in deutscher Bauweise, festigt das Baß-Fundament. Die 4′-Zunge ist besser im SW aufgehoben, denn bei Anches-4′-Registrierungen ist ohnehin fast immer die „Tirasse Recit“ im Spiel. Die Holzoktave 4′ ist solistisches Pedalregister im Sinne einer Flûte 4′ und Prinzipal zugleich. Holz ist überhaupt das bestimmende Baumaterial im Pedal. Es unterstreicht die romantische Betonung des Gesamtwerks. Obertönigkeit wird dagegen von den drei Metallregistern geliefert: Gemshorn 8′ (Weitchor, streichend-obertönig), Hintersatz 2 2/3′ (Prinzipalchor, eng-obertonreich) und Trompete 8′ (Zungenchor, über 50 Obertöne). Gemshorn 8′ verbindet sich in idealer Weise mit dem Subbaß, dem es Zeichnung gibt. Allein gespielt übernimmt es den passenden Baß für lichte Trioregistrierungen. Violon 16′ hat zusammen mit Subbaß 16′ Prinzipal 16′-Charakter. Die Posaune 16′ schließlich, mit Holzbechern in voller Länge, gibt dem Pedal Wucht und Kraft im Pleno.

Beziehungen zwischen den Teilwerken

Zu beachten sind die Beziehungen zwischen den Teilwerken. Der Weitchor 16′ – 8′ – 4′ des HW tritt verjüngt als Weitchor 8′ – 4′ – 2′ im SW auf. Der tiefste Chor ist stets gedeckt, der höchste konisch gebaut. Der „singenden“ Rohrflöte aus Metall steht das dunkle Gedeckt aus Holz gegenüber, der Blockflöte aus Metall (mit zartem „Strich“) die Holzflöte des Nebenwerkes. Dem großen HW-Cornet entspricht das „Cornet décomposé“, das in Einzelregister aufgeteilte Kornett des SW. Bei geschlossenen Jalousien wird es zum „Echokornett“, begleitet von der Oktave 4′ im jetzt freien Baßteil des HW. Natürlich klingen die Kornette auch bei geöffnetem Schweller nicht gleich. Der aufgebänkte HW-Cornet ist weiter mensuriert, also kräftiger als der zerlegte.

Der engen Prinzipalquinte des HW steht im SW der weite Nasard gegenüber (neben den schon vorhandenen Entsprechungen in den Werken selbst), der schmetternden HW-Trompete mit konisch offenen Bechern die näselnde Hautbois mit eingebuckten Schalltrichtern. Zur Gamba des HW bildet das Salicional des SW den Gegenpol; hier steht zudem der alte Streicher (Gamba) dem neugebauten, in der Mensur weiteren, gegenüber.

Bezüglich der Registerfamilien ist die Verteilung folgendermaßen:

  • Prinzipale 31%
  • Weitchor 36%
  • Streicher 11%
  • Zungen 22%

Ausstattung der Orgel

Optisch und akustisch ist es ein Gewinn, dass der Schwellkasten dem Blick verborgen bleibt. Ein „verschattetes“ SW kommt der romantischen Literatur entgegen. Durch das Koppelmanual wird die Vielseitigkeit der Orgel wesentlich ausgeweitet. Es steht ständig gekoppeltes und ungekoppeltes HW nebeneinander zur Verfügung, das häufige An- und Abschalten der Koppel SW/HW entfällt. Außerdem kann man beispielsweise mit der linken Hand auf dem HW spielen, mit der rechten Hand den Sopran durch einige SW-Stimmen verstärkt auf dem Koppelmanual. Damit ist also auch die Koppel HW/SW gewonnen!

Wegen der Personalunion Kantor/Organist wurde der Spieltisch an die Emporenbrüstung vorgezogen, mit Blickrichtung auf die Orgel. So kann der Spieler den Orgelklang optimal abhören und gleichzeitig dem Chor vom Spieltisch aus die Einsätze geben. Setzerkombinationen und Walze – frei einstellbar wie auch das Pleno – machen die Unabhängigkeit vom Registranten perfekt. „Gut gewalzt ist halb gewonnen“ wird gern gespöttet, aber der Literaturkenner weiß um die Stellen, bei denen sie unersetzbar ist. (Reger: diverse Orgelwerke, Liszt: B-A-C-H usw.)

Die wiederverwendeten Metallpfeifen wurden gereinigt, rundiert und – wo nötig – die Stimmrollen zugelötet. Die Holzpfeifen wurden gegen Anobienbefall behandelt; Deckel neu abgedichtet, Risse ausgespant, wo nötig Aufschnitte ernierdigt (bei Bourdon 16′, Gedeckt 8′ und Subbaß 16′), abgerissene Stöpsel und Griffe eingeleimt und verkeilt. Fehlende Pfeifen wurden ersetzt.

Großzügige Mensurierung und meisterhafte Intonation insbesondere bei der Herausarbeitung der Einzelstimmen schufen ein Werk von höchster künstlerischer Qualität. Das warme Timbre der „Fonds“, der satte Klang der Zungen und die sonorig-weiten Aliquoten ergeben zusammen mit den Klangkronen ein völlig ausgewogenes, rundes und majestätisches Tutti.

Wolfgang Nickel

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